BERÜHRENDE PARTITUR

eine Recherche über Choreographische Methodik

In meiner Arbeit mit vielen Musikern habe ich oft die Partituren, die sie spielen, analysiert und daraus Choreographien entwickelt. Die akribisch konstruierte Musik von Bach, Beethoven oder Ligeti offenbart bei der Analyse die durchdachte Struktur der Komposition, die der Choreographie Spielraum und Ausdrucksmöglichkeiten verleiht.

Die Methode Tactile Score wurde von der japanischen Gesichtstherapeutin Rieko Suzuki und dem Wissenschaftler Yasuhiro Suzuki, Ph.D. entwickelt. Sie beschäftigen sich mit dem Notationssystem der Musik und versuchen es als Medium für andere Ausdrucksformen, z.B. Gesichtsmassage, zu verwenden.

Dabei wird "Höhe und Dauer des Tons" der Musiknotation durch "Druckstärke und Länge der Massage" ersetzt, sodass eine Massage-Komposition entsteht. Der „Tactile Score“ kann so mit anderen geteilt und reproduziert werden. In ähnlicher Weise analysieren sie Reim und Grammatik japanischer Sätze, transkribieren Texte strukturell in Musiknotation, was wiederum einem „Tactile Score“ gleichkommt.

Massage ist Bewegung und Druck – das brachte ich auf die Idee, diese Methode für Tanz zu verwenden. Ich dachte mir, dass es möglich sein müsste, die veschiedene Mittel der Inszenierung systematisch mit Hilfe einer Partitur zu verbinden und dadurch eine komplexe aber einheitliche Umgebung zu gestalten.

 

Wie übersetzt man einen Text in eine Notation?

Die Regeln für die Umwandlung können je nach Zweck und Thema des Stücks unterschiedlich sein, aber es ist wichtig, die Regeln so simpel wie möglich, und konsequent zu halten, da sie die Grundlage für spätere Arrangements bilden.

Ich zeige hier ein Paar Beispiele, wie ich inspiriert von Suzukis Tactile Score Methode einen Text in Noten übersetze und wie danach die entstandene Partitur in eine Performance umgesetzt wird. Ich nenne diese auf meiner eigenen Analyse der Textstruktur basierende umgeschriebene Notation der Root-Score.

Zu beachten ist, dass es sich bei dem Root-Score nicht um eine musikalische Notation handelt, sondern vielmehr um eine Form der Notation unter Verwendung der Notenlinien, bei der die musikalische Korrektheit außer Acht gelassen wird.

Beispiel.1: MatchAtria 

Mein erster kleiner Versuch war eine dreiminütige Szene von MachAtria. In dieser Szene experimentierte ich damit, Text, Tanz und Vibrationen eines Silikonherzens einem Root-Score zu verlinken. Auch wenn der Zusammenhang fürs Publikum nicht direkt ersichtlich war, erzeugte die Schlussszene ein interessantes Gefühl von Einheitlichkeit.

Beispiel.2: andropolaroid1.1 

In einer Szene in andropolaroid1.1, transkribierte ich die Root-Scores aus dem japanischen Text und deren deutschen Übersetzung. Daraus kreierte ich eine Choreographie, in der ich eine Lichtinstallation durchtanzte. Das Image der Lichtchoreographie war ein Abbild der synaptischen Aktivität im Sprachkortex des Gehirns.

 

Übung: Rede von Frau Merkel 

Mithilfe des Distanzen-Stipendiums habe ich die bisherigen Methode des Umschreibens reflektiert und weiter vertieft. Inspiriert von Suzukis „Tactile Score“ Methode, zeige ich hier ein Beispiel, wie ich einen Text in eine Notation umwandle. Diesmal nahm ich die erste Rede von Bundeskanzlerin Merkel zur Corona-Krise, die zur Rede des Jahres 2020 ausgezeichnet wurde, als Vorlage.

Musikalische Arrangements von James Helgeson 

Um die musikalische Möglichkeiten der Methode zu überprüfen, habe ich dem Komponisten Dr. James Helgeson meine Root-Score-Übungen gezeigt und fragte ihn, sie als Musikstück zu arrangieren.    

Beispiel.1 MachAtria

MATCHATRIA (2015) ein Teil der Szene mit Tactile Score
Ton: Links – Vibration, Rechts – Text

CHOREOGRAPHIE: YUI KAWAGUCHI
REGIE, GRAPHIK: YOSHIMASA ISHIBASHI

HEARTBEAT PERCEPTION UNIT: HIDEYUKI ANDO (OSAKA UNIV.)
TACTILE SCORE BERATUNG: RIEKO SUZUKI (FACETHERAPIE CO.LTD),
YASUHIRO SUZUKI, PH.D. (NAGOYA UNIV.)

SUPERVISOR HERZSCHLAGMESSUNG UND TAKTILES: JUNJI WATANABE

Inspiriert von der Philosophie der japanischen Teezeremonie wurde MatchAtria zusammen mit dem in Kyoto lebenden Künstler Yoshimasa Ishibashi entwickelt. Das Publikum erlebt die Performance mit einer 3D-Brille, binauralen Kopfhörern und hält die Heartbeat Unit in Händen, ein selbstgebautes Silikonherz, das den Herzschlag der Tänzer an ihre Hände sendet. Für das Ende der Performance habe ich die taktile Methode eingesetzt, um den Zuschauern durch die Verbindung von Tanz, Video, Klang und Vibration eine sanfte Landung für ihre Sinne zu ermöglichen.

Da der Schwerpunkt des Werks auf dem Tastsinn lag, habe ich im Text viele Onomatopoesie verwendet, die in der Partitur in Triolen umgewandelt wurde, um ihr musikalischen Charakter zu verleihen. Um das Ergebnis interessanter zu kriegen, musste ich den Text mehrmals umschrieben. Für den Tanz wurden zu jeder Tonleiter Gesten hingefügt und Ishibashi kombinierte die Noten mit Handzeichnungen, um der Szene etwas Analoges zu verleihen.

Im Detail:
In dieser Szene experimentierte ich damit, Text, Tanz und Vibrationen eines Silikonherzens einem Root-Score zu verlinken. Auch wenn der Zusammenhang fürs Publikum nicht direkt ersichtlich war, erzeugte die Schlussszene ein interessantes Gefühl von Einheitlichkeit. 

1: Ich schrieb einen Text auf Japanisch und übersetze ihn in einen Root-Score

2: Aus dem Root-Score erstellte ich die Vibrationen, die an die Heartbeat-Unit gesendet werden. 

3: Ich entwickelte eine Choreographie aus dem Root-Score. Diesmal wählte ich im Einklang mit dem Thema des Stücks massagenartige Gesten und verwandte sie auf die einzelnen Skalenpattern. (Nicht auf einzelne Noten, sondern auf die Abstände der Notenhohe) 

4: In der Aufführung erlebte das Publikum gleichzeitig drei Elemente, die durch eine Partitur miteinander verbunden sind:
1) Text auf Japanisch von Kopfhörer
2) Taktile Stimulation mittels Vibrationen eines Heartbeat-Unit, das in der Hand gehalten wurde
3) Tanz auf der Bühne.

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bei () kommt besondere Bewegung denn die Intervall wird auf Choreographie nicht reflektiert.

Tonbewegung 

+
-
++
--
up
down
octave up
octave down


Onomatopöie > Triolen

A+
A-
B+
B-
C+
C-
EX
ein Wort
ein Wort
Wiederholung
Wiederholung
dynamische Wiederholung
dynamische Wiederholung
Ausnahme
breit/sanft/hell
eng/fest/dunkel
breit/sanft/hell
eng/fest/dunkel
breit/sanft/hell
eng/fest/dunkel
Beispiel: SHUWAAAA
Beispiel: GYUUU
Beispiel: KURAKURA
Beispiel: KOCHIKOCHI
Beispiel: SHURULIN SHURULIN
Beispiel: DOKKUN DOKKUN
Beispiel: POTUUNTO

Worte mit Richtung

IN Irasshaimase (Willkommen), Nagarekirezu (nicht ganz wegfließen: kommt wieder zurück), usw.
OUT Itterasshaimase (bis spät), Itatamaremasen (möchte lieber weglaufen), usw.


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Beispiel.2 andropolaroid1.1

ANDROPOLAROID1.1 (2016) ein Teil der Szene mit Tactile Score
Video: Links-Pixel Animation für ETC EOS(Licht), Rechts-Aufzeichnung der Show

CHOREOGRAPHIE: YUI KAWAGUCHI
LICHT: FABIAN BLEISCH
MUSIK: SIBIN VASSILEV
PROGRAMMIERUNG: YOANN TRELLU

Wir verbrachten drei Wochen in Ma Scene National - pay de Monbéliard, um diese vierminütige Tactile Score-Szene zu entwickeln. Diese Szene ist ein Schlüsselelement dieses Solostücks zum Thema Immigration von Japan nach Deutschland, und ich wollte mein damaliges Kopfgefühl auf der Bühne wiedergeben.
Obwohl wir drei Wochen Zeit hatten, standen wir unter Zeitdruck, denn wir mussten nicht nur für die Codierung, sondern auch für die Musik und die Beleuchtung ein neues System entwickeln. Wenn ich auf unsere damalige Arbeit zurückblicke, war sie voller flexibler Ideen, wie die Verwendung von Braille-Mustern und die Erzeugung von Patches mit Photoshop und Max MSP.

Im Detail:
In dieser Szene transkribierte ich die Root-Scores aus dem japanischen Text und deren deutschen Übersetzung. Daraus kreierte ich eine Choreographie, in der ich eine Lichtinstallation durchtanzte. Das Image der Lichtchoreographie war ein Abbild der synaptischen Aktivität im Sprachkortex des Gehirns.

1. Die zwei Texte (Japanisch & Deutsch) ins Root-Score übersetzen.

2. Mit Photoshop einzeln Pixel-Bilder, die der musikalischen Tonleiter A-H entsprechen, erstellen. Hier nahm ich die Pixelbilder des Braille-Alphabets.

3. Mit Ableton Live die Partitur abspielen und sie als MIDI-Signal an das Programm in "Max for Live" senden. Das von Yoann Trellu mit Max MSP erstellte Patch ruft das zu jeder Note entsprechende Bild auf und erstellt einen 8x8px (insgesamt 64 Pixel) Pixel-Animations-Movie
.

4. Das gleiche Prozedere wie in Schritt 2 durchführen, sowohl für die japanische als auch für die deutsche Version, und die beiden Movies kombinieren.

5. Diese MOV-Datei hat
Fabian Bleisch in das Lichtprogramm ETC EOS importiert und die einzelnen Pixel und Leuchtstoffröhren verlinkt, so dass beim Abspielen des Films die Lichter entsprechend blinken.

6. 
Sibin Vassilev arrangierte aus den Root-Scores die Klänge, die in der Szene mit meinen Stimmen (auf Japanisch und Deutsch) abgespielt wurde. So haben wirdie Musik und das Lichtinstallation durch den Root-Score verbunden.



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TEXT AUF DEUTSCH

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TEXT AUF JAPANISCH

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Übung: Rede von Frau Merkel

Hier zeige ich ein Beispiel, wie ich einen Text in eine Notation umwandle. Diesmal nahm ich die erste Rede von Bundeskanzlerin Merkel zur Corona-Krise, die zur Rede des Jahres 2020 ausgezeichnet wurde, als Vorlage. Ob ich mit dieser Methode die Geheimnisse dieser kraftvollen Rede enthüllen kann?

Regel 1: 1Takt = Ein Satz, der durch eine Interpunktion getrennt ist.

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Regel 2: Tonhöhe: Schriftzeichenanzahl (1 = A als Ausgangspunkt)

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Regel 3: Teilung der Notendauer: S : V : O : C : M : K = 1 : 1 : 1 : 1 : 1 : ½ (Pause)

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Regel 4: Unterordnende Konjunktion = bildet Akkord unter den Nebensatz

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Regel 5: Artikel + Norm = teilen die Tonlänge

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Regel 6: Adjektive + Norm = bilden Akkord (übereinander liegen)

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Regel 7: Konjunktion = Pause

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Regel 8_bei Frage Taktartwechsel

"Aber wie hoch werden die Opfer sein? " > Taktwechsel von 6/8 zu 7/8  

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So haben wir jetzt einen Root-Score und was man damit macht, ist völlig offen.
Z.B. habe ich den Root-Score in ein Musiknotationssoftware Sibelius eingetragen, und mit Touchdesigner habe ich die Patches erstellt, um Pixelanimationen aus den MIDI-Signalen von Root-Score zu erzeugen und die Beleuchtung zu manipulieren. Ich habe verschiedene Varianten ausprobiert und hier zeige ich zwei davon.


Screenshot von Touchdesigner
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Synchronisation Ableton Live & Touchdesigner
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1. Klangmuster aus Root-Score, color-patch (DE)
& zu Root-Score angepasste Stimme

2. Klangmuster aus Root-Score (DE&EN)
& color-patch 

Extra. Ein kleines Spiel mit dem Material :)


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Musikalische Arrangements von James Helgeson


Text von Dr. James Helgeson (Barenboim-Said Akademie, Berlin)

Kawaguchis
Methode ist ein Prozess zur Kodierung linguistischer Informationen in Bewegung und Klang. Musikalische und kinetische Gesten können selbstverständlich auf unterschiedliche Weise systematisch aus einem poetischen Text abgeleitet werden, z. B. durch (1) Silbenzählung, (2) semantische Analyse und (3) alphabetische Kodierung (in diesem Fall durch eine Kombination von (1) und (2)). Bei der Methode von Frau Kawaguichi wird ein fast ausschließlich diatonisches Tonsystem verwendet, um Informationen über den Rhythmus zu kodieren, was als Nebenprodukt abwechslungsreiches und interessantes musikalisches Material erzeugt. Dieses musikalische Nebenprodukt ist das, was mich als Komponist interessiert.

Der Vorteil des Systems von Yui Kawaguchi liegt meines Erachtens darin, dass es den natürlichen Sprachrhythmus des gesprochenen Textes verfremdet und eine musikalische Sprache schafft, die sowohl vertraut als auch verwirrend ist. Es ist erstaunlich, wie musikalisch vielfältig die Tonstrukturen sind, die eigentlich nicht ein musikalisches Material sondern die  Bewegungen kodieren sollen, wenn sie als Partitur wiedergegeben werden. Mit diesem Material könnte ich mir einige weitere Entwicklungen vorstellen (die ich gerne weiter erforschen würde):

1) Eine systematische Erweiterung des Tonraums, die eine Verfremdung des gewohnten tonalen Gefühls der Musik auslöst. Dies könnte auch durch Ersetzung der Tonhöhe erzielt werden. Die Logik hinter dem System ist die Codierung von Details über einen Text in einer musikalischen Form. In diesem Sinne ist Ersetzung oder Dehnung einfach eine weitere Ebene der Kodierung.

2) Eine systematische Erweiterung des rhythmischen Materials auf denselben Linien wie der Tonraum (ich habe das mit den Musikbeispielen, die ich eingereicht habe, ansatzweise ausprobiert), was größere chorographische Auswirkungen haben würde.



Beispiel 1: Das überlagert Kawaguchis Analysen der englischen und deutschen Version der Rede von Angela Merkel . Es handelt sich um Rohmaterial für die Vertonung und Verzerrung. (Zum vergrößern anclicken.)


Merkel Text(c)Yui_Kawaguchi(c)Yui_Kawaguchi(c)James_Helgason (c)James_Helgason

Beispiel 2: Hier wird das rhythmische Material von Yui Kawaguchis Analyse eines Abschnitts von Joseph Pearsons "Three German Cities" (veröffentlicht in der New England Review) verwendet, um eine bereits vorhandene, von James Helgeson geschriebene Cellolinie im Barockstil zu verzerren.

Three German Cities(c)Joseph_Pearson Root-Score (c)Yui_Kawaguchi (c)James_Helgason


Beispiel 3: Ein Rohmaterial, das ebenfalls auf der Textanalyse von Pearson basiert ist, hier für zwei Streichinstrumente und Schlagzeug.


(c)James_Helgason (c)James_Helgason(c)James_Helgason

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Gefördert durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien im Programm NEUSTART KULTUR, Hilfsprogramm DIS-TANZEN des Dachverband Tanz Deutschland
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